Systemwechsel statt Klimawandel!

Systemwechsel statt Klimawandel!

Ein Blogbeitrag von Golfstrom

“Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 Prozent unseres Strombedarfs decken.” Das gab die damalige Umweltministerin Dr. Angela Merkel im Jahr 1994 in einem Radiointerview zu bedenken. Dieser Gedanke stammte allerdings nicht von ihr selbst. Er ist ein wortwörtliches Zitat aus der Zeitungsannonce “Wer kritisch fragt, ist noch längst kein Kernkraftgegner” der deutschen Stromwirtschaft vom 26. Juni 1993. Deren Kernaussage: Aus der Atomkraft könne man durchaus aussteigen, allerdings nur unter der Bedingung eines massiven Ausbaus der Kohlekraft.

 

Man hat denselben Satz seither noch viele Male mit anderen Zahlen gehört. Er ist jedes Mal von der Realität überholt worden. Im ersten Halbjahr 2019 haben regenerative Energieträger 44 Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt. Das sind 1000 Prozent mehr, als von der um die Umwelt besorgten Stromwirtschaft 1993 prognostiziert. Allein in der Photovoltaik sind heutzutage 47 Gigawatt Spitzenleistung installiert. Damit ist am bestehenden Potenzial bislang nur gekratzt worden. Eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie geht davon aus, dass allein Gebäudehüllen (d.h. Dächer und Fassaden) in Deutschland ein Potenzial von 1,4 Terawatt installierter Leistung bereitstellen. Das sind 1,4 Milliarden Kilowatt bzw. sechseinhalb Mal die gesamte installierte Stromerzeugungskapazität des Jahres 2017. Und in dieser Zahl sind Windenergie, Biomasse und Solarfreiflächenanlagen noch gar nicht eingerechnet.

Die technologische Machbarkeit eines Energiesystems, welches zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien beruht und laut einigen Experten finanziell günstiger wäre als unser derzeitiges, steht außer Frage. Und dennoch hört man gerade in Zeiten von “Fridays for Future” und “Scientists for Future” immer wieder denselben Einwand, den auch Merkel verbreitete: Eine vollständige Energiewende ist nicht machbar. Gern können wir aus Atomstrom aussteigen, dann brauchen wir aber mehr Kohle. Ja, zur Not können wir aus Atom- und Kohlestrom aussteigen, dann müssen wir aber viel mehr Gas aus Russland oder besonders schmutziges Fracking-Gas aus den USA einführen.

Mit solchem Reden wird verschleiert, worin die Herausforderung der Energiewende besteht. Nicht die technologische Machbarkeit ist das Problem, und vor der inzwischen davongaloppierenden Klimakrise kann niemand mehr die Augen verschließen. Der eigentlich Grund ist, dass am Ende einer erfolgreichen Energiewende ein völlig anderes Energiesystem stünde. Macht und Profite würden neu verteilt. Und damit stellt sie eine konkrete Gefahr für einige der mächtigsten Wirtschaftszweige der Welt dar.

Dazu muss man sich zunächst einmal strukturelle Notwendigkeiten eines auf fossilen Rohstoffen basierenden Energiesystems analysieren. Kohle, Öl oder Gas gibt es nicht überall auf der Welt, ihr Vorkommen ist in der Regel geographisch konzentriert. Ihre Förderung erfordert horrende Investitionen und den Aufbau von Technik. In den US-amerikanischen Appalachen wird Kohle beispielsweise durch die Sprengung ganzer Bergkuppen zutage gefördert. Um Öl im Meer zu fördern, muss zunächst einmal mit aufwändigen und hochkomplexen Methoden der Meeresboden auf Ölvorkommen überprüft werden. Ist ein solches gefunden, muss das Reservoir angebohrt und ein Weg zum Abtransport des Öls gefunden werden. So kann durchaus ein Jahrzehnt vergehen, bis das erste Öl aus einem neuen Vorkommen auf den Markt gelangt. Zwangsläufig verfügen nur wenige Akteure über die technologischen Möglichkeiten, das notwendige Kapital und die wirtschaftliche Macht, sich diesen langen Atem leisten zu können. Auch gelingt es nur Wenigen, die notwendigen Lizenzen zur Ausbeutung eines Rohstoffvorkommens zu akquirieren.

Damit sind fossile Rohstoffe zunächst einmal an ihrem Gewinnungsort verfügbar. Erdöl muss darüber hinaus allerdings noch aufwändigen Raffinerieprozessen unterzogen werden, um zu einem brauchbaren Produkt zu werden. Und Energie wird überall gebraucht. Folglich werden die fossilen Energieträger über ein ausgeklügeltes und weit gespanntes Verteilnetz überall auf der Welt verteilt. Hier verdienen rohstoffexportierende Länder und die Dienstleister dieses Verteilnetzes. Und das ordentlich: Im Jahr 2015 beispielsweise wurden weltweit 1,7 Billionen Euro für eingeführte fossile Energieträger gezahlt. In Deutschland beliefen sich die Kosten auf 60 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In erneuerbare Energien wurden im selben Jahr nur 24 Milliarden Euro investiert.

„Überall scheint die Sonne, überall weht der Wind, und dieser “Brennstoff” kostet keinen Cent“

Zu guter Letzt gelangen dann Benzin und Diesel zu den Tankstellen und Gas und Kohle zu den Kraftwerken, wo sie verfeuert und Strom und Wärme gewonnen werden. Auch diese Kraftwerke sind in den Händen großer Konzerne und an bestimmten Orten konzentriert. Strom und Wärme müssen deshalb über Netze zu den eigentlichen Verbraucher*innen gelangen. Eine solche Energiegewinnung ist zudem auf eine ständige Zufuhr von Brennstoffen angewiesen und abhängig von deren volatilen Marktpreisen.

An einer solchen Überlegung zeigt sich, dass das fossile System hochkomplex ist. Andererseits ist es stark oligopolisiert. Die Zahl beteiligter Akteure ist begrenzt und die verschiedenen Schritte sind streng aufgeteilt. Dies ist eine Notwendigkeit, es kann nicht anders, demokratischer oder partizipativer, organisiert werden.

In noch höherem Maße trifft der letzte Punkt auf die Atomenergie zu. Diese Technologie ist derart komplex und mit solchen Risiken behaftet, dass sie niemals in rein privatwirtschaftlicher Hand entstanden wäre oder betrieben werden könnte. Die Allgemeinheit nimmt privaten Betreibern deshalb alle Risiken ab, so beispielsweise die Sicherung der Kraftwerke und die Kosten für die Lagerung des Atommülls. Gewinne werden jedoch privatisiert.

Erneuerbare Energien passen nicht in dieses Energiesystem. Überall scheint die Sonne, überall weht der Wind, und dieser “Brennstoff” kostet keinen Cent. Gleichzeitig sind Erneuerbare nicht immer überall in gleichem Maße verfügbar. Ein auf ihnen aufgebautes Energiesystem muss also zwangsläufig dezentral sein, um die variierenden Verfügbarkeiten auszugleichen. Die Technologien, die zur Ernte von Sonne und Wind eingesetzt werden, sind außerdem vergleichsweise simpel. Nahezu die gesamten Kosten eines Projekts entstehen initial, wenn die Solarmodule oder die Windkraftanlage installiert werden. Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zu fossilen oder atomaren Technologien, wo an allen Ecken und Enden ständige Förder- und Brennstoffkosten entstehen. Die Möglichkeiten, an Solar- und Windkraft Gewinn abzuschöpfen, sind folglich begrenzt. Sehr wohl können jedoch Privatpersonen auf ihren Dächern Solaranlagen installieren, Gemeinden Flächen für Windparks zur Verfügung stellen und von den Gewerbesteuern profitieren, und Bürgerenergie-Genossenschaften die umweltfreundliche Stromversorgung ihrer Mitglieder sicherstellen. Und das ohne klimazerstörende Emissionen, gesundheitsgefährdende Abgase, sich lokal häufende Krebs- und Lungenerkrankungen oder die Zerstörung ganzer Landschaften durch Braunkohlegruben. Eine ungleich höhere Zahl von Akteuren hat am Energiesystem teil und von profitiert von ihm. Auf der anderen Seite sinkt der wirtschaftliche und damit politische Einfluss einzelner Akteure, was zu flacheren Hierarchien führt.

Ein erneuerbares Energiesystem steht also zwangsläufig über Kreuz mit dem bisherigen konzentrierten Energiesystem. Die Energiewende stellt die größte Gefahr für über Jahrzehnte gewachsene und an ständig wachsende Profite gewöhnte Förder-, Liefer- und Verwertungsindustrien rund um fossile und atomare Brennstoffe dar. Das ständig wiederholte und stets widerlegte Mantra von der Unmöglichkeit eines erneuerbaren Energiesystems ergibt also vorrangig als strategische Kommunikation Sinn. Es hat nicht möglich zu sein, weil es vor dem Hintergrund der eigenen Bilanz nicht möglich sein darf.

„Die Energiewende ist die Chance auf ein umweltfreundliches, gerechtes und partizipatives Energiesystem, an dem viele kleinere und größere Akteure produktiv teilhaben können“

Zivilgesellschaft und Politik dürfen die Chancen und Notwendigkeiten der erneuerbaren Gegenwart und Zukunft allerdings nicht zugunsten der fossilen Interessen der Vergangenheit opfern. Wir müssen entschieden gemeinsam mit so vielen Bürger*innen wie möglich am neuen Energiesystem weiterbauen. Natürlich muss es Regeln und Verpflichtungen für diejenigen geben, die beispielsweise mit einer Solaranlage auf dem eigenen Dach zur Energieversorgung beitragen möchten. Eine Entschlackung und Vereinfachung der bürokratischen Hürden und eine Verbesserung der Möglichkeiten, auch ohne eigenes Dach oder Feld am Aufbau der Erneuerbaren teilzuhaben, wären jedoch dringend nötig, um die Energiewende neu zu elektrisieren auf so viele Beine wie möglich zu stellen. Leider lahmt zur Zeit der Ausbau von Sonnen- und Windkraft. Wir laufen Gefahr, unsere verbindlichen Klimaschutzziele zu verfehlen und damit nicht nur weiter unsere Lebensgrundlagen zu gefährden, sondern auch als Allgemeinheit die Strafzahlungen für verfehlte Emissionsminderungen tragen zu müssen. Das ist nicht nur ungerecht gegenüber jungen Generationen, sondern auch gegenüber allen, die kein Aktienportfolio eines fossilen Unternehmens haben. Wenn die Ausbauziele für die Erneuerbaren angehoben und verbindlich gemacht und hemmende Regulatorik wie der 52-Gigawatt-Deckel für den Ausbau von Photovoltaik beseitigt werden, können wir die Trendwende allerdings schaffen.

Die Energiewende ist die Chance auf ein umweltfreundliches, gerechtes und partizipatives Energiesystem, an dem viele kleinere und größere Akteure produktiv teilhaben können. Dieses System würde Ressourcen schonen, verhängnisvolle geopolitische Abhängigkeiten entschärfen und Machtkonzentrationen beseitigen, die über Jahrzehnte effektive Klimapolitik verhindert haben. Wir sollten gemeinsam alles dafür tun, um diese Chance zur Realität werden zu lassen.

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